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Die Juni Lektüre 2010 von Celia Martin: Hemmungsloser Sex

„Bleib mal so sitzen“, sag ich zu meiner guten Freundin Gila. Wir sind in der Sauna gewesen, danach im eiskalten Wasser und jetzt sitzt sie mir gegenüber im Ruheraum, das flauschige Badetuch um sich gezogen. Ihre Schultern wirken rund und weich im Nachmittagslicht und vanillefarben zwischen den ganzen Grünpflanzen.
„Ich brauch Deine Schultern mal als Inspirationsquelle“, füge ich erklärend hinzu. Gila guckt verwundert, erst auf mich, dann auf ihre linke, mir zugewandte Schulter. Es sieht aus, als zähle sie die Sommersprossen, die sich auf ihrer hellen Haut tummeln.
„Wofür sollen meine Schultern denn als Inspiration gut sein?“, will sie wissen. Ich erkläre es ihr. Bevor wir aufgebrochen sind, habe ich über einer Szene gebrütet. Einer erotischen Szene.
„Das schreibt ihr Autorinnen doch einfach so runter, dachte ich.“ Einfach so runterschreiben? Ne, das geht nicht. Dann wären ja alle erotischen Liebesszenen gleich.
„Liest sich ja oft auch so.“ Zur Bekräftigung spult Gila gleich eine ganze Reihe von ziemlich allgemein klingenden Erotiktexten ab, die sie laut eigenem Bekunden immer wieder in der einschlägigen, für Frauen geschriebenen Literatur liest. Hinter ihr nähert sich eine weitere Besucherin unserem Sitzplatz. Meine Freundin sieht das nicht, sie schaut angestrengt vor sich hin, unzweideutig zweideutige Worte von sich gebend. Erst, als die Frau, sie scheint bereits im Rentenalter zu sein, sich vor eine der kleinen Wannen für Fußbäder setzt, blickt Gila auf. Im selben Moment schweigt sie. Die Fremde nickt uns zu, während sie Wasser einlaufen lässt. Ihr Gesicht ist hochrot, aber nicht wegen unseres Themas, sondern weil sie gerade aus der Sauna kommt. Unser Gesprächsthema scheint sie nicht irritiert zu haben. Einen Moment schweigen wir alle drei.
„Lassen Sie sich von mir nicht stören“, meint die Frau dann und nickt Gila freundlich zu. Die will jetzt die Situation erklären, verheddert sich aber nach ein paar Worten schon.
Ich schaue immer noch auf Gilas Schultern, ihren Hals, den Ansatz des Dekolletés. Ideal, so eine Muse.
„Es ist nämlich so, dass ich eine Liebesszene, eine erotische Szene, für meinen neuen Roman schreiben möchte und wir uns gerade darüber unterhalten haben“, erkläre ich dann in das inzwischen eingetretene Schweigen hinein. Gila schaut mit runden Augen vor sich hin. So sieht sie immer aus, wenn sie in einer Situation ist, die sie mit „leicht absurd“ bezeichnen würde. Die fremde Frau nickt mir lächelnd zu.
„Ja, das ist schwierig. Man will ja nicht dieselben zehn Sätze schreiben, die überall zu lesen sind.“ Wir unterhalten uns über Erotik im Allgemeinen und darüber, wie unterschiedlich Männer und Frauen doch darüber schreiben. Zum Schluss empfiehlt sie mir Anais Nin als Inspirationsquelle und beendet ihr Fußbad.
„Das mit der Sexszene kann doch so schwer nicht sein“, grummelt Gila vor sich hin. „Greif doch einfach auf eigene Erlebnisse zurück.“ Ich erkläre ihr, dass es ab und zu ganz gut ist, ein wenig Abstand zum Treiben meiner Romanfiguren zu haben.
„Außerdem sind das ganz andere Charaktere. Nicht nur im Leben, sondern hin und wieder auch im Bett.“
„Hemmungsloser Sex ist hemmungsloser Sex. Punkt!“ Gila zuckt mit der Schulter. Der Rechten.
„Ich habe eine bestimmte Vorstellung von der Szene. Sie soll so ähnlich sein wie jetzt hier. Die Hauptfigur ist mit ihrer Angeschwärmten im Schwimmbad. Es ist heiß. Sie sitzen im Badeanzug im kühlen Schatten eines großen Baumes. Die Angeschwärmte cremt sich mit Sonnenmilch ein. Der Träger ihres Badeanzugs rutscht dabei auf einer Seite über die Schulter nach unten …“
„Moderne Badeanzugträger rutschen nicht“, wirft Gila ein.
Ich schaue sie fassungslos an. „Echt? Auch nicht, wenn der Badeanzug nicht mehr ganz neu und vielleicht ein ganz klein wenig ausgeleiert ist? Also – nur an den Trägern, natürlich!“ Gila schnippt mit den Zehen und überlegt. Dann schaut sie mich an. „Wann warst du eigentlich das letzte Mal im Schwimmbad?“ Ich kann mich nicht erinnern, ist aber auch nicht so wichtig. Meine Badeanzugträger rutschen ja immer. Eigentlich tun das bei mir alle Träger, ob Büstenhalter, T-Shirt oder eben Badeanzug.
„Das ist bei mir wie ein Naturgesetz“, verteidige ich meine ursprüngliche Idee und darf nun endlich auch bei meiner Romanfigur den Träger rutschen lassen.
„Die Schulter ist wie deine, weich und rund geformt, die Haut ist glatt und voller kleiner, blasser Sommersprossen“.
„Ja, und vom Haaransatz läuft ein Schweißtropfen herunter.“
„Das hieße dann eine Schweißperle, die langsam über die zarte Haut rinnt!“
Gila hebt spöttisch die Augenbrauen und grinst breit wie ein Honigkuchenpferd.
„Ist doch das Gleiche!“
„Hört sich aber anders an!“
„Und was geschieht dann?“
„Mal sehen. Also … Die Hauptperson verspürt einen heftigen Drang, die Schultern der Anderen zu berühren.“
„Sie könnte fragen, ob sie ihre Freundin eincremen soll.“
„Das ist mir jetzt zu platt. Einerseits ist die Hauptfigur schüchtern, kann ihre Begehrlichkeit noch gar nicht einordnen und andererseits will ich die Spannung, die zwischen den beiden in der Luft liegt nicht allzu schnell auflösen.“
Gila überlegt halbherzig mit mir gemeinsam, wie es weitergehen könnte. Wir kommen nicht weit. Ein halbes Dutzend Frauen betreten nun den Ruheraum. Es ist eine Clique, sie haben sich viel zu erzählen und seufzend nickten Gila und ich uns die Aufforderung zu, den nächsten Saunagang zu machen.
„Weißt du was, wir kürzen das Ganze ab. Die beiden sind nicht im Schwimmbad, sondern in der Sauna. Es ist heiß und alles läuft wie im Schnelldurchgang. Schultern, Schweißperle, Verlangen, Sex. Die Sauna ist ja wie geschaffen für hemmungslosen Sex“, trötet sie, jetzt übermütig. Die Frauenclique schaut betreten zu uns herüber, ich laufe rot an und bugsiere Gila vor mir her.
„Nicht so ungeduldig, meine Süße“, flötet sie und dann lacht sie sich scheckig. Das kann ja noch heiter werden!
Was meine Romanszene anbelangt, gebe ich für diesen Moment auf. Sobald wir aus der Sauna draußen sind, werde ich mir eine andere Inspirationsquelle suchen. Eine, die die Sache ernst nimmt!

 

Veröffentlichung – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung der Autorin.
(c) Celia Martin