Lesbische Literatur und kreative Ratgeber mit Erlebnisfaktor: Bücher, Hörbücher, eBooks

Celia Martins Januar-Lektüre 2012: Feng-Shui oder die Freuden des Aufräumens

Meine Schwester und ich haben vieles gemeinsam, der Sinn für Ordnung gehört nicht dazu.

„Du musst endlich mal aufräumen“, lautet ihr Standardkommentar, wenn sie bei mir ist.

„Kann ich nicht“, antworte ich meistens. Was ist wichtig, was unwichtig? Was schmeiße ich bedenkenlos weg, was behalte ich? Fragen, auf die ich keine Antwort habe.

„Jemand muss dir helfen“, befindet sie und vermittelt mir einen Kontakt aus ihrem beruflichen Umfeld. Die Bekannte einer Geschäftspartnerin weiß sicher Rat. „Sie ist ein Aufräumprofi“, meint mein Schwesterherz und diktiert mir die notwendigen Daten. Da ich gerade eine Paprika umtopfe, schreibe ich nur Datum und Uhrzeit auf einer alten Zeitung mit. Frau Magister Irgendwer kommt drei Tage später pünktlich wie die Tagesschau die Straße herauf.

„Umzugskartons haben Sie besorgt?“, fragt sie nach der Begrüßung. Ich nicke zu den noch harmlos flachen Pappmonstern hinüber.

Im Arbeitszimmer sieht meine Besucherin sich um. Falls sie ob der überquellenden Bücherregale, Schubladen und diversen Ablagekörbchen beunruhigt sein sollte, kann sie es gut verbergen. Immerhin, Ordnung schaffen ist ihr Leben. Braucht man dafür ein Studium?

„Natürlich nicht“, lächelt Frau Magister ganz bezaubernd, bevor sie wieder knallhart aufgeräumt wird. „Die Idee kam mir aber an der Uni. So viel verlorene Zeit, die mit Suchen und Rumräumen verbracht wird, weil alle immer denken, es geht sich gerade jetzt nicht aus, vielleicht irgendwann ein anderes Mal …“ Ich weiß, wovon sie spricht.

„Fast alles, was man ein Jahr lang nicht angefasst hat, kann weg“, lautet ihre Meinung. Gemeinsam gehen wir die Sache an. Die Umzugskartons stehen, nun auseinanderfaltet auf dem Balkon und füllen sich schnell. Weg, Flohmarkt/eBay/dergl , Ein-Jahr-Quarantäne steht auf den Stirnseiten und wir leeren Regal für Regal, Schublade für Schublade und Ablagekorb für Ablagekorb. Es ist nicht leicht.

„Wofür?“, lautet irgendwann die lapidare Standardfrage der Aufräumfachfrau. Wenn mir innerhalb von 15 Sekunden nichts einfällt, plumpst alles in einen der großen, schwarzen Müllsäcke, die sie mit grimmigem Vergnügen zu füllen scheint. Mir kommt es bald so vor, als sei ich vom Aufbewahren besessen. Zeitungsausschnitte, Postkarten, Zeitschriften, Reisemitbringsel, Bücher, die mir nicht gefallen haben, Kinoeintrittskarten, Briefe und vieles mehr verstopfen mein Arbeitszimmer, womöglich die gesamte Wohnung und hindert mich am effiziente Denken und Arbeiten. Wie gut, dass ich Frau Magister habe, sie schmeißt voller Begeisterung weg!

Bei einer Zigarettenpause blickt sie vom Balkon hinunter auf die kleine Terrasse auf der Rückseite des Hauses. Ein Baum, ein Strauch, ein paar Topfpflanzen.

„Nett“, lobt sie das Arrangement. Sie meint die beiden Bäumchen, die die Terrasse begrenzen. Ich habe sie mal ruckzuck gekauft, weil es so einfach war. Eine links, eine rechts und fertig. Jetzt erfahre ich, dass das Feng-shui-mäßig toll ist.

„Bringt ganz entspannt Harmonie und Glück ins Haus“. Wow! Das sollte ich wohl am Eingang auch machen, damit das Glück nicht womöglich hintenrum kommen muss!

Als Frau Magister an diesem Tag geht, hinterlässt sie mir eine Hausaufgabe. Eine Ecke meines Arbeitszimmers soll ich nach ihren Vorgaben selbst aufräumen. Nächste Woche kommt sie noch einmal, wir machen gemeinsam den Rest und besprechen dann, ob ich mit ihrem System zurechtkomme oder weitere Unterstützung brauche.

Am Abend blicke ich auf die Kartons auf dem Balkon hinaus. Ob ich noch mal hineinsehen, nur ganz kurz, um zu kontrollieren, dass auch alles wirklich am richtigen Platz ist? Ich beherrsche mich, mühsam, greife nach dem Stapel in der Ecke, die ich ausräumen soll. Zwischen all dem Papier rutscht etwas heraus. Eine CD, „Rot“ von Sabrina Setlur . Ich bin begeistert, die habe ich schon lange, lange vermisst. Ich werfe sie ein und finde erneut, es ist ein geniales Album. Während sie „lauta“ rappt, drifte ich gedanklich weg zu einem Konzert vorn ihr. Auf und vor der Bühne dampft es gewaltig und am nächsten Tag schreibt die Yellow Press schwachsinnig etwas über ihre neue Frisur. Hallo?

Ich wühle weiter, dabei fällt mir der Brief einer uralten Freundin in die Hände und ich schwenke schon wieder in die Vergangenheit ab. Als wir in Griechenland eine Fähre verpassten, kein Zimmer fanden und dennoch den üppigsten Abend der ganzen Reise erlebten. Ich arbeite mich weiter durch den Stapel, unbeobachtet, ohne Ziel, einfach so.

Als Frau Magister das nächste Mal kommt, stehen am Ende des Tages wieder fünf gemeinsam dick gefüllte Müllsäcke auf der Straße, der Inhalt dreier Umzugskartons wandert in den Keller und wird unbesehen nach einem Jahr denselben Weg gehen, wenn ich ihn bis dahin nicht benötige. Und alles Zeug, was auf einer Riesenliste steht, wird nun verkauft, versteigert, verschenkt.

„Das ging ja heute schnell“, meinte Frau Magister beim Abschied, „war ja gar nicht mehr viel“. Ich lächle ihr wissend nach. Sie ist wirklich gut in ihrem Job. Wenn sie wüsste … dass ich nach dem Abend mit Sabrina, den alten Briefen und mehr einen Großteil meiner Sachen vor ihr in Sicherheit gebracht habe. In meinem Keller stehen ein paar geheime Kisten, die ich nun, da sie weg ist, wieder nach oben schleppe. Alles Sachen, die ich in den letzten zwölf Monaten nicht benutzt habe, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass es sie gibt. Die ich aber unbedingt behalten will, weil sie mir die Freude der Wiederentdeckung beschert haben. Kleine, gefühlvolle, nostalgische Momente.

Als meine Schwester am Wochenende anruft, schwärme ich von Frau Magister und danke ihr für den Tipp.

„Ach übrigens“, frage ich sie dann. „Kannst du dich noch an den Tag in Paris erinnern, als ich dir zeigen wollte, wie man schwarz in der Metro fährt und wir prompt erwischt und von fünf grimmigen Kontrolleurinnen umringt wurden? Ich habe da gerade ein Foto gefunden, das wir anschließend in einem Café gemacht haben …“

Tja, wenn Feng-Shui was mit harmonisch entspannter Lebensart zu tun hat, geht das bei mir auch durchaus mal ganz unaufgeräumt.

 

Veröffentlichung – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung der Autorin.
(c) Celia Martin