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Celia Martins April-Lektüre 2010: Die Klügere gibt nach

„Waaaas soll ich machen?“
Sie steht vor mir, total empört. Ihre Augen blitzen und ich ziehe leicht den Kopf ein. Wenn sie wütend ist, kann sie schon mal laut werden. Obwohl sie normalerweise natürlich eine ganz liebe Person ist. Meistens. Wenn ich nicht gerade etwas von ihr verlange, das sie nicht mag. So, wie jetzt anscheinend.
„Ich dachte, das wäre eine gute Idee. Ein netter Frauenabend mit ein paar Freundinnen. Gemeinsam essen gehen und dann in eine Bar …“
„Also – hallo! Eine normale Bar. Da hätte ich ja gar nichts dagegen. Aber was Du vorschlägst, da mache ich nicht mit.“
Ich hatte mir nicht vorgestellt, welche Schwierigkeiten sie damit haben könnte. Sie führt sich ja auf, als wolle ich sie zu definitiv unmoralischen Handlungen zwingen! Als ob sie das grundsätzlich stören würde … Wie auch immer, ich muss mich verteidigen.
„Ganz anders würde ich das nicht nennen. Es ist halt eine Bar, in der man auch andere Dinge tun kann, als besoffen vom Barhocker fallen!“ Mein Tonfall ist flapsig, ich möchte, dass sie merkt, wie ich die Sache durch den Kakao ziehe, dass sie lacht und mich versteht und es mir nicht so schwer macht.
„Es ist doch der Vorabend Deines Geburtstags. Zum Reinfeiern sollte es doch etwas Witziges, Besonderes sein!“
„Besonders finde ich das nicht.“ Sie grummelt, hat aber wenigstens die Fäuste von den Hüften genommen, das Blitzen in ihren Augen lässt nach und sie lässt sich in den Sessel mir gegenüber sinken.
„Ein alter Hut ist das, wenn du mich fragst!“
„Für mich nicht, ich war noch nie in so einer Bar“, gestehe ich.
„Ach so, und weil Du selbst hin willst und meinen Geburtstag als Aufhänger nimmst, muss es mir gefallen? Nicht mit mir!“
Sie ist in Streitlaune, wird mir klar. Das ist bei ihr selten der Fall. Meist verstehen wir uns blind, wenn nicht, hätte ich mich auf sie gar nicht einlassen können, könnte nicht so viel Zeit mir Ihr verbringen.
Jetzt denke ich über ihre Worte nach. Will ich wirklich in diese obskure Bar? Ist es insgeheim mein Wunsch gewesen, den ich auf sie projiziert habe? War das mein Antrieb, mit dem ich Ihr lediglich ein Mäntelchen überstreife, das ich selbst längst einmal tragen will? Nach längerem Nachdenken schüttle ich den Kopf.
„Ich bestehe nicht darauf. Wir können eine andere Lokalität wählen, die Dir besser gefällt“, lenke ich ein.
Sie starrt in die Luft und tippt mit dem Finger an ihre Zähne.
„Mir fällt nichts ein“, gesteht sie endlich. Ihre Wangen röten sich ein wenig. Aus Verlegenheit, wie ich aus Erfahrung weiß.
„So ging es mir ja auch. Es ist nicht so einfach, etwas Passendes zu finden.“ Es sollte originell sein, ihr die Möglichkeit bieten so viele Freundinnen wie möglich einzuladen, ohne hinterher pleite zu sein.
„Wie kommst du eigentlich auf die Idee?“, will sie wissen.
Ein Film, den ich kürzlich gesehen habe, hat mich darauf gebracht. Kein Werk aus den Neunzehnneunzigern, sondern die Folge einer modernen Serie.
„Hat mich begeistert, irgendwie“, murmele ich und zucke mit der Schulter.
„Wie genau läuft das ab?“
Aha. Sie kennt das also auch nicht. Ich schnuppere Morgenluft bei diesen Worten.
„Ganz einfach. Am besten, jemand sucht etwas für dich aus.“
„Ach Du Schreck! Kann ich das nicht selbst tun?“
Ich grinse.
„Nö. Anders ist es viel lustiger.“
„Vermutlich machst du das dann“, mutmaßt sie.
Das würde ich allerdings tatsächlich gerne tun.
„Genau. Ich suche das Lied aus, das du singst“, trällere ich.
„Ich kann doch gar nicht singen“, versucht sie es erneut.
Zu spät. Meine Entscheidung ist gefallen.
Sie wird in diese Karaoke-Bar gehen, zusammen mit einigen ihrer Freundinnen und ich werde das Lied aussuchen, das sie auf der Bühne von sich geben wird.
„Hah!“ Ich reibe mir die Hände und wende mich wieder meinem Computer zu.
„Tina – Karaoke“, schreibe ich als Zwischenüberschrift in mein Arbeitsexemplar erst einmal hin. Dann lass ich die Szene vor meinem inneren Auge entstehen. Tinas Stimme ist jetzt ganz leise geworden, sie wird genau das tun, was ich mit ihr besprochen habe und es wird ihr gefallen. Sie wird großartig sein, selbst wenn sie nicht wirklich singen kann. Aber das können viele andere auch nicht. Spaß haben sie trotzdem.
„Was soll ich denn singen?“, fragt sie noch einmal an meinem linken Ohr.
„It’s my happy heart you hear“, grinse ich und haue in die Tasten.
Ist doch eine gute Wahl und passt hervorragend. Zur Untermalung lege ich das Stück mal auf. Und freue mich daran, dass der Dialog mit meiner Hauptdarstellerin auch dieses Mal wieder zu einem guten Ergebnis geführt hat.
„Die Klügere gibt eben nach“, kichert sie noch, bevor sie in der Szene, die ich gerade schreibe, auf die Bühne huscht.
Ja, genau. Nur, wer von uns beiden ist das jetzt eigentlich? Aber, ist ja auch egal, Hauptsache, Hauptperson und Autorin sind sich einig geworden. Auch wenn sie in solchen Situationen nur in meinem Kopf existiert. Sie hat durchaus auch ihren eigenen, das könnt Ihr mir glauben!

 

Veröffentlichung – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung der Autorin.
(c) Celia Martin